Handbuch Niederwild 213

Jungwildrettung einst und heute
Kapitel 6 (Seite 213)
Moderne Mähtechnik bedeutet für Jungwild und Bodenbrüter oft Lebensgefahr. Wer Rehkitze und Junghasen vor dem Mähtod bewahren will, hat heute zahlreiche Möglichkeiten – von optischer und akustischer Vergrämung über angepasstes Mähverhalten bis hin zur systematischen Absuche. Dieser Beitrag zeigt, worauf es in der Praxis ankommt.
Vergrämungsmöglichkeiten
- Verstänkern: Hierzu werden Lappen, Joghurtbecher, PU-Schaumbälle oder ähnliche Trägerstoffe mit einer für das Wild unangenehm riechenden Flüssigkeit getränkt und in und um die zu mähende Wiese herum aufgehängt. Diese Flüssigkeiten basieren auf Buttersäure, also konzentriertem Menschenschweiß oder auf einer Mischung von Urinsubstanzen verschiedener Großraubwildarten wie Wolf, Bär, Löwe usw. Guten, aber eben nur kurzfristigen Erfolg zeigen auch aufgehängte Urinsteine oder im nassen Gras verstreute Karbitbrocken, die in Verbindung mit Feuchtigkeit ausgasen.
- Optische Scheuchen: Da Rehwild ein Bewegungsseher ist, gelingt eine Vergrämung aus den zu mähenden Wiesen mit Hilfe von Scheuchen recht gut. Dazu stecken wir verteilt auf der Fläche Düngersäcke oder farbige Tüten auf etwa 1,50 m hohe Pfähle, so dass sie menschenähnliche Gestalt annehmen. Die Ricke erkennt eine Gefahr und meidet zumindest kurzfristig diese Wiese und oder führt ihre schon gesetzten, aber älteren Kitze über Nacht heraus. Denselben Effekt erreichen wir mit bunten, in Gruppen zusammengebundenen Luftballons, die mit Helium gefüllt werden oder bunten Plastikwindrädern, die es im Spielwarenhandel gibt. Auch Blinkleuchten mit Dämmerungsschalter, Knicklichter aus dem Angelsport und so genannte Joggerblinklichter erfüllen diesen Zweck. Alustreifen, die sich im Wind bewegen und dabei klappern, wirken ebenfalls zufriedenstellend. Einige sind sogar mit Filzpads beklebt, die zusätzlich als Depot für die zuvor erwähnten Vergrämungsflüssigkeiten dienen.
- Akustische Scheuchen: Verschiedene Händler bieten akustische Wildvertreiber an, die für unseren Zweck dienlich sind. Sie laufen entweder permanent, sind mit einem Dämmerungsschalter kombiniert oder reagieren auf Detektion. Dann ertönen aggressive Ultraschallsignale mit einer Lautstärke von 100 db in Intervallen, die bei vielen Tieren Flucht und anschließende Meidung auslösen. Sie decken einen Bereich von etwa 400 m² ab und werden daher verteilt in die Fläche gehängt. In dieselbe Kategorie fallen andere akustische Scheuchen wie die mit Gas betriebenen Knallapparate oder auch bloße Wecker, die zu unterschiedlichen Zeiten auslösen. Im Eigenbau lassen sich handelsübliche Rauchmelder mit wenig Aufwand auch dazu umbauen.

Erfolgreiche Mähtechnik
Das Anmähen von Wiesen am Abend vor der eigentlichen Mahd kann eventuell auch dazu beitragen, dass die Ricke die Wiese über Nacht mit ihren Kitzen verlässt. Beim Mähvorgang selbst hat sich das Mähen von innen nach außen bewährt, weil sich das schon mobile Jungwild, aufgeschreckt durch die Traktorengeräusche innerhalb der Deckung in angrenzende Flächen bewegt. Mäht der Bauer allerdings von außen nach innen, so treibt er das Wild bis zum Schluss zusammen und vermäht es schließlich, weil es in der letzten Deckung verbleibt und ein „Sich-Drücken“ einer Flucht über deckungsloses Gelände instinktiv vorzieht.

Beobachten und Absuchen
Erfolgreich kann auch das Beobachten sein, ob Altrehe in der Wiese stehen. Bewegen sich Ricken nicht weit in der Wiese, stehen sie meist bei den Kitzen und säugen diese. Sicher bestätigen lässt sich das auch mit dem Angstgeschrei des Blatters in Kitztonlage aus einer Deckung heraus. Hat eine Ricke ihr Kitz in der Wiese abgelegt, wird sie sofort zustehen und das Kitz aufsuchen, um nach dem Rechten zu sehen. Als weitere Möglichkeit können Wiesen mit gehorsamen Vorstehhunden abgesucht werden. Die Suche im hohen Gras ist für den Hund sehr anstrengend. Wasser bereithalten und Pausen einlegen. Auch mit Unterstützung von Schulklassen oder anderen Helfern kann der Jäger die Wiese in einer Menschenkette intensiv und systematisch absuchen.
